„Es muss profitabel sein, Ressourcen zu schützen“
Ökobau-Pionier Sebastian Schels zu Gast bei VAERING: Am 13. Februar wird er als Keynotespeaker bei unserem Nachhaltigkeits-Event im Hamburg verraten, wie er nachhaltige Handelsimmobilien plant und baut. Und nein, die sind NICHT teurer als konventionelle Märkte, im Gegenteil: Sie sind sogar günstiger. Wie das geht, erklärt er uns im Vorab-Interview.
Sebastian Schels, Geschäftsführender Gesellschafter von RATISBONA Handelsimmobilien
Mit Ihrem Unternehmen RATISBONA Handelsimmobilien haben Sie vor einigen Jahren begonnen, nachhaltige Märkte zu bauen. Was ist Ihr bisher wichtigstes Learning?
Mir ist schnell klar geworden, wo der größte Hebel ist: Wir müssen den vermeintlichen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit auflösen. Es muss am Ende profitabler sein, Ressourcen zu schützen als sie nicht zu schützen. Dann muss ich erst gar nicht die Verantwortung, die Moral konsultieren und darüber nachdenken, welche Variante ich wähle. Ich muss mich nicht entscheiden zwischen der umweltfreundlicheren und der günstigen Variante. Und genau das zeigen wir von RATISBONA ganz praktisch: Die nachhaltigere Variante kann zugleich die wirtschaftlichere sein.
Wie funktioniert das ganz konkret?
Wir haben im vergangenen Jahr nachgewiesen, dass Lebensmittelmärkte in unserer Bauweise 5 bis 7 Prozent günstiger sind als Märkte in herkömmlicher Bauweise. Tatsächlich kann die Produktion nicht-fossiler Bauprodukte günstiger sein, und ich komme zusätzlich am CO2-Preis vorbei.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir haben zum Beispiel mineralische Dämmwolle durch eine ökologischere Alternative ersetzt. Herkömmliche Mineralwolle wird bei sehr hohen Temperaturen mit Stein erzeugt, das kostet Ressourcen und Energie. Wir dagegen setzen ein Abfallprodukt ein, und zwar Papier aus der Zeitungsherstellung. Das wird mit einem natürlichen Salz mechanisch und ohne Hitze verarbeitet, das ist logischerweise auch günstiger.
Und generell haben wir das Thema Holzbau so weit optimiert, dass es als Gesamtprozess günstiger ist. Beim konventionellen Bauen mit Ziegeln sind Handwerksbetriebe wochenlang vor Ort, um bei Wind und Wetter Steine zu stapeln. Das soll günstiger sein als industriell vorproduzierte und modulare Holz-Wandsystemen aus einer Fabrik? Als Wände, die dann auf der Baustelle nur noch miteinander verbunden werden müssen? Und das ist nur ein Aspekt. Ja, Holzbau kann in der Summe günstiger sein.
Und spart man später auch im Betrieb?
Unsere Märkte haben einen höheren Dämmwert. Allein schon deshalb haben wir weniger Energiekosten. Wir liegen vom CO2-Eigenverbrauch im Betrieb um ca. 65 Prozent unter konventionell gebauten Gebäuden. Und: Unsere Märkte sind quasi Wertstoff-Depots.
Wie meinen Sie das?
Wir arbeiten ja mittlerweile nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip: Wir planen von Anfang an so, dass alle Materialien später wiederverwendet werden können. Konventionell ist es oft noch so, dass Baustoffe verklebt und verbunden werden, sodass sie am Ende des Lebenszyklus eines Gebäudes nicht mehr trennbar sind und Sondermüll werden. Schon während des Baus werden Rohstoffe also quasi zerstört. Wir dagegen planen und bauen so, dass die Rohstoffe jederzeit weiterverwendet werden können, also ge- und nicht verbraucht werden.
Wie ist RATISBONA zu dem geworden, was es heute ist?
Ich habe meinen familiären Hintergrund im Handel. Mein Urgroßvater hat einen Großhandel gegründet, mein Großvater hat ihn weitergeführt. Mein Vater hat daraus den Netto-Marken-Discount gegründet und Mitte der 1980er-Jahre zusätzlich das Immobilienunternehmen RATISBONA, um Netto beim Wachstum zu unterstützen.
Wie kam es dann zur ökologischen Ausrichtung?
In erster Linie aus dem Bewusstsein und dem Verantwortungsgefühl für die nächste Generation. Das Jahr 2019 war für uns persönlich ein schwieriges Jahr, am Ende des Jahres ist mein Vater verstorben. Das ist eine Phase, in der man gezwungen wird, sich eine Auszeit zu nehmen, einen Schritt zurückzutreten und sich die Frage zu stellen, was man eigentlich macht, welche Zielsetzung und Lebenssetzung man erreichen will. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht alles sein kann, zu arbeiten und Vermögenswerte anzuhäufen, sondern das Ganze mit einem Sinn zu verknüpfen.
Und zwar innerhalb Ihres Kerngeschäfts, dem Bau von Lebensmittelmärkten.
Genau. Ich bin idealistisch gestartet, habe gesagt: Ich möchte mit einem Lebensmittelmarkt keine Spur der Verwüstung mehr hinterlassen. Tatsächlich ist es ja so, dass Märkte über CO2, Bodenversiegelung und Energieverbrauch einen ziemlich großen Hebel haben. Den möchte ich für Positives nutzen.
Ist der Idealismus geblieben?
Ja, aber inhaltlich habe ich natürlich dazugelernt. Es ist durchaus manchmal so, dass die Lösungen nicht diejenigen sind, auf die man im ersten Schritt intuitiv kommen würde.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel Gründächer. Klingt gut, aber vor allem bei unserer Nutzungsklasse ist es so, dass Gründächer auch Mehrlasten auf dem Dach bedeuten. Gründächer führen dazu, dass Wasser auf dem Dach gespeichert wird. Dies führt dazu, dass die Dachlast für das Gebäude deutlich größer dimensioniert werden muss. Ich muss also die Gebäudestruktur komplett verstärken bis in die Fundamente – dafür benötigt man zusätzlich Material und CO2. Dessen muss man sich zumindest bewusst sein und alle Vor- und Nachteile abwägen. Manchmal ist eine begrünte Außenfläche sinnvoller.
Vielen Dank, wir freuen uns auf Ihre Keynote in Hamburg!